Warum Gefühl in der Führung Agilität erzeugt Essay 4

Wir bauen Roboter. Wir fliegen zum Mond. Wir verbinden die ganze Welt digital. Was wir jedoch nach wie vor nicht ausreichend schaffen, ist, unsere menschlichen Grundbedürfnisse zu beachten – weder bei uns selbst noch in der Führung. Eine Auseinandersetzung mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen.

Neben unseren physischen Grundbedürfnissen haben wir Menschen weitere Grundbedürfnisse psychischer Natur (vgl. Peters und Ghadiri 2011, S. 72). Werden diese Grundbedürfnisse erfüllt, befinden wir uns im Gleichgewicht. Dieser Zustand ist Grundlage von Gesundheit und Leistungsfähigkeit (vgl. Reinhardt 2014b, S. V), was wiederum Agilität und Innovationsfreude befördert. Zahlreiche Studien von Fach- und Führungskräften über psychische Befindlichkeitsstörungen wie Stress, Burnout und Ermüdung belegen jedoch, dass offenbar die psychischen Bedürfnisse heute sehr schlecht erfüllt werden (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2014; Knieps und Pfaff 2016; Deutsche Rentenversicherung 2014).


Vernunft versus Emotionen

In der Ökonomie herrscht seit mehr als einem Jahrhundert die Auffassung des vollständig rational handelnden Menschen (Homo Oeconomicus), der die Vernunft über Gefühle stellt (vgl. Nell und Kufeld 2006, S. 81ff.). Diese vereinfachte rationale Auffassung der menschlichen Psyche hat vor allem in der wissenschaftlichen Modellbildung Vorteile, in der Praxis stößt sie aber an ihre Grenzen.

Den Neurowissenschaften ist es zu verdanken, dass im Laufe der vergangenen 30 Jahre ein naturwissenschaftlich fundiertes Verständnis der menschlichen Psyche entstanden ist. (vgl. Reinhardt 2014, S. 40). Der Psychologe Klaus Grawe hilft mit seiner Konsistenztheorie, die menschliche Motivation naturwissenschaftlich besser zu greifen. Es ist die wohl derzeit fundierteste Theorie menschlicher Bedürfnisse und daher ein wesentlicher Wissensbaustein von VUCABILITY®.


Die vier psychologischen Grundbedürfnisse

Jeder Mensch hat vier Grundbedürfnisse, die evolutionär angelegt sind und mal bewusst, mal unbewusst nach Bedürfnisbefriedigung streben (vgl. Grawe, 2004, S. 182). Eine Verletzung oder dauerhafte Nichtbefriedigung führt zu Schädigungen des Wohlbefindens (vgl. Grawe 2004, S. 185f.), während deren Erfüllung zu stabiler psychischer Gesundheit und letztlich Leistungsfähigkeit führt (vgl. Reinhardt 2014, S. 141). Klaus Grawe beschreibt diese vier Grundbedürfnisse folgendermaßen (vgl. Grawe 2004; Fries und Grawe 2006; Reinhardt et al., S. 141f.; Peters und Ghadiri 2011, S. 82ff.):

  • Bedürfnis nach Bindung (Verbundenheit): beschreibt das Verlangen, in liebevoller Beziehung zu anderen Menschen zu stehen.
  • Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle: beschreibt das Verlangen nach einer sicheren Umwelt, die einigermaßen vorhersagbar ist und Möglichkeiten zur eigenen Einflussnahme eröffnet.
  • Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung bzw. Selbstwertschutz: beschreibt das Verlangen, sich selbst kompetent, wertvoll und von anderen geschätzt zu fühlen.
  • Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung: beschreibt das Bestreben, angenehme, erfreuliche, lustvolle Erfahrungen und Zustände herzustellen und unangenehme (aversive, schmerzhafte) nach Möglichkeit zu vermeiden.

Um sich wohl und gesund zu fühlen, muss jedes Bedürfnis ausreichend befriedigt sein. Grawe nennt diesen Zustand Konsistenz (vgl. Grawe 2004, S. 186). Sind nicht alle Bedürfnisse ausreichend befriedigt (Inkonsistenz), spüren wir das in Form innerer Unruhe, Nervosität, körperlichem Missempfinden oder in Form von Gefühlen wie Unlust, Überforderung, Trauer und Angst. Ziel und erste Priorität ist dann die Wiederherstellung der Konsistenz (Konsistenzregulation) (vgl. Grawe 2004, S. 186). Die Anforderung unseres Gehirns ist also, Strategien anzuwenden, die Bedürfnisse wieder zu befriedigen. Wir tun dies, indem wir Wege finden, unsere Grundbedürfnisse zu erfüllen (Annäherungsmotivation) oder indem wir Verletzung vermeiden (Vermeidungsmotivation) (Peters und Ghadiri 2011, S. 79).

Es ist erst wenige Jahre her, dass Rock und Schwartz (2006) den Standpunkt vertraten, dass dieses Wissen für Führungskräfte hilfreich sei, um neue Sicht- und Denkweisen zu vermitteln und dadurch deren Führungseffektivität zu erhöhen (Reinhardt 2014, S. 40). Diesen Standpunkt möchte ich hiermit unterstreichen.

 

Artikel zitieren

Burg, M. (2017): Warum Gefühl in der Führung Agilität erzeugt / Essay 4, in: VUCABLOG [Weblog], 15.12.2017 (Update vom 15.1.2018), Online-Publikation: https://blog.monikaburg.com/2017/12/15/psychologische-grundbeduerfnisse-hirnforschung-vernunft-emotion-fuehrung-vucability/, Abrufdatum: TT.MM.JJJJ

 

Literaturverzeichnis

Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2014): Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Online verfügbar unter https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/Suga-2015.pdf;jsessionid=901D9BA88F053520201E858C9E1AD1FB.s1t2?__blob=publicationFile&v=5.

Deutsche Rentenversicherung (Hg.) (2014): Positionspapier der Deutschen Rentenversicherung zur Bedeutung psychischer Erkrankungen in der Rehabilitation und bei Erwerbsminderung. Online verfügbar unter http://www.deutsche-rentenversicherung.de/Allgemein/de/Inhalt/3_Infos_fuer_Experten/01_sozialmedizin_forschung/downloads/konzepte_systemfragen/positionspapiere/pospap_psych_Erkrankung.pdf?__blob=publicationFile&v=6.

Fries, Alexander; Grawe, Klaus (2006): Inkonsistenz und psychische Gesundheit. Eine Metaanalyse. In: Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie 54 (2), S. 133–148. DOI: 10.1024/1661-4747.54.2.133.

Grawe, Klaus (2004): Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe. Online verfügbar unter http://elibrary.hogrefe.de/9783840918049/1.

Knieps, F.; Pfaff, H. (Hg.) (2016): BKK Gesundheitsreport 2016. Gesundheit und Arbeit – Zahlen, Daten, Fakten. Online verfügbar unter http://www.bkk-dachverband.de/publikationen/bkk-gesundheitsreport/.

Nell, Verena von; Kufeld, Klaus (2006): Homo oeconomicus. Ein neues Leitbild in der globalisierten Welt? Berlin: Lit Verl. (Forum Philosophie & Wirtschaft, Bd. 1).

Peters, Theo; Ghadiri, Argang (2011): Neuroleadership – Grundlagen, Konzepte, Beispiele. Erkenntnisse der Neurowissenschaften für die Mitarbeiterführung. 1. Aufl. Wiesbaden: Gabler Verlag / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH Wiesbaden. Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/978-3-8349-6875-3.

Reinhardt, Rüdiger (2014): Neuroleadership. Ein innovatives Konzept zur Förderung von Leistung und Gesundheit. In: Personal Quarterly (2), S. 40–45. Online verfügbar unter http://www.neuroleadership-online.de/mediapool/134/1347358/data/Neuroleadership_Artikel_Reinhardt_2014.pdf.

Reinhardt, Rüdiger; Kaczynski, Andrea; Krampe, David; Schweizer Karin: Die Konsistenztheorie: Einführung für Führungskräfte. In: Rüdiger Reinhardt (Hg.): Neuroleadership. Empirische Überprüfung und Nutzenpotenziale für die Praxis, S. 141–160.

 

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Zuletzt aktualisiert am 15.1.2018