Warum wir unseren Steinzeitgenen mehr Beachtung schenken müssen Essay 5

Um unsere Natur, unsere Psyche und unsere Anfälligkeit zu verstehen, müssen wir einen Blick in das Leben der Jäger und Sammler werfen. Deren Gene tragen wir nach wie vor in uns. Das moderne Leben stellt allerdings inzwischen ganz andere Anforderungen an unsere Körper. Was das mit Agilität und den Krankheiten unserer Zeit zu tun hat und warum wir VUCABILITY® brauchen:

Nie zuvor war der Mensch einer derartigen Schnelllebigkeit ausgesetzt wie heute. Doch an der Welle der Zivilisationskrankheiten, die über den Globus rollt (vgl. United Nations General Assembly 2011) wird deutlich, dass etwas nicht stimmen kann. Warum leiden so viele von uns an Herzerkrankungen, Diabetes und Allergien? Warum plagen wir uns mit Rückenschmerzen und defekten Hüftgelenken? Warum gibt es so viele geistige und seelische Erkrankungen (vgl. z.B. Taylor 2015, S. 7; Junker und Paul 2009, S. 22)?

Auf der Suche nach plausiblen Antworten wird man in der Medizinforschung fündig, genauer gesagt in der Evolutionsmedizin. Diese noch sehr junge Fachrichtung sieht die Ursache der vielen körperlichen und psychischen Dysbalancen unserer Zeit in der Nicht-Übereinstimmung unserer genetischen Programmierung mit unserem westlichen Lebensstil (siehe unten Mismatch-Hypothese) oder anders ausgedrückt: „Die evolutionsbiologische Sichtweise fragt weniger nach der Evolution von Krankheit, als vielmehr nach den Eigenschaften unseres Bauplans, die uns für die Krankheit anfällig macht“ (Nesse und Williams 2000, S. 22 f.).


Das Genom ist unsere genetische Datenbank

„Warum ist unser Körper so, wie er ist? Die einfache Antwort lautet: Weil unser Erbgut so ist, wie es ist“ (Ganten et al. 2011, S. 9). Und eben dieses menschliche Genom ist, so die Genomentschlüsselung, ohne Zweifel auch heute noch das Genom eines Jägers und Sammlers (vgl. Lieberman 2015, o.S. im Online-Exemplar). Im Rahmen des Human Genome Project wurde von 1990 an weltweit konzentriert an der Decodierung des menschlichen Genoms gearbeitet und seine vollständige Entschlüsselung im April 2004 vorgelegt (vgl. Human Genome Project Information Archive).

Seither sind entscheidende Puzzleteile aufgedeckt worden, die uns einmal mehr helfen den Menschen besser zu verstehen (zur Entwicklungslinie der Evolutionsmedizin vgl. Stearns et al. 2010, S. 1691). Viele Eigenschaften unserer Anatomie und Physiologie dienten in der Umwelt, in der ihre Evolution stattfand, der Anpassung und dem Überleben. In dem modernen Umfeld, das wir uns geschaffen haben, können wir sie jedoch auch als Fehlanpassungen bezeichnen (vgl. Lieberman 2015).


Die Mismatch-Hypothese ist Kernstück der Genomerforschung

Dieser Gedanke wird Mismatch-Hypothese genannt. Sie bildet das Kernstück des neuen Fachgebiets der Evolutionsmedizin, das die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie (Genomerforschung) auf Gesundheit und Krankheit anwendet (vgl. Gluckman et al. 2011, S. 253). Die Schulmedizin neigt dazu, den menschlichen Körper als eine perfekt konstruierte Maschine zu betrachten, die gelegentlich störanfällig ist. Sie muss gewartet und gegebenenfalls repariert werden. Die evolutionäre Perspektive fragt nicht nur danach, was im Körper passiert, wenn wir krank sind, sondern warum wir aufgrund unserer genetischen Programme überhaupt diese oder jene Krankheit bekommen – und wie wir vorbeugen können (vgl. Ganten et al. 2011, S. 20; Gluckman et al. 2011, o.S.).

In Essay Nr. 4 habe ich schon aufgegriffen, dass auch in der Ökonomie das mechanische Menschenbild (Homo Oeconomicus) auf Basis der Erkenntnisse der Neurobiologie revidiert werden muss (Burg 2017). Eine schöne Entwicklung in ganz unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen zu mehr Menschlichkeit in Ökonomie, Medizin und vielen weiteren Fachgebieten.


VUCABILITY® bedeutet, neues Gesundheitswissen anzuwenden

Natürlich können wir die Zeit nicht zurückdrehen. Allerdings sollten wir die komplexe Interaktion zwischen Genen und Umwelt – für Nicht-Mediziner nett verpackt – besser verstehen lernen. Wir sollten nicht so lange warten bis die Schulmedizin uns an die Hand nimmt, sondern selbst das Wissen der Evolutionsmedizin nutzen und unseren Lebensstil hier und da auf unser biologisches Erbe anpassen. Das ist ein weiterer wichtiger Bestandteil neuen Wissens und neuer Fähigkeiten, die wir VUCABILITY® nennen.

 

Artikel zitieren

Burg, M. (2018): Warum wir unseren Steinzeitgenen mehr Beachtung schenken müssen / Essay 5, in: VUCABLOG [Weblog], 5.1.2018, Online-Publikation: https://blog.monikaburg.com/2018/01/05/warum-wir-unseren-steinzeitgenen-mehr-beachtung-schenken-muessen/, Abrufdatum: TT.MM.JJJJ

 

Literaturverzeichnis

Burg, Monika (2017): Warum Gefühl in der Führung Agilität erzeugt / Essay 4, in: VUCABLOG [Weblog], 15.12.2017 (Update vom 15.1.2018), Online-Publikation: https://blog.monikaburg.com/2017/12/15/psychologische-grundbeduerfnisse-hirnforschung-vernunft-emotion-fuehrung-vucability/.

Ganten, Detlev; Spahl, Thilo; Deichmann, Thomas (2011): Die Steinzeit steckt uns in den Knochen. Gesundheit als Erbe der Evolution. Wissenschaftsbuch des Jahres 2010. Ungekürzte Taschenbuchausg. München: Piper (Piper, 6398).

Gluckman, Peter D.; Low, Felicia M.; Buklijas, Tatjana; Hanson, Mark A.; Beedle, Alan S. (2011): How evolutionary principles improve the understanding of human health and disease. In: Evolutionary applications 4 (2), S. 249–263. DOI: 10.1111/j.1752-4571.2010.00164.x.

Human Genome Project Information Archive: Human Genome Project Information. Hg. v. ornl.gov. U.S. Department of Energy Human Genome Project.

Junker, Thomas; Paul, Sabine (2009): Der Darwin-Code. Die Evolution erklärt unser Leben. 2. Aufl. München: Beck (Beck’sche Reihe, 1966).

Lieberman, Daniel (2015): Unser Körper. Geschichte, Gegenwart, Zukunft. Unter Mitarbeit von Sebastian Vogel. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Nesse, Randolph M.; Williams, George C. (2000): Warum wir krank werden. Die Antworten der Evolutionsmedizin. Vollst. Taschenbuchausg. München: Goldmann (Goldmann, 15038).

Stearns, Stephen C.; Nesse, Randolph M.; Govindaraju, Diddahally R.; Ellison, Peter T. (2010): Evolutionary perspectives on health and medicine (Sackler colloquium: Evolution in health and medicine). In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 107 Suppl 1, S. 1691–1695. DOI: 10.1073/pnas.0914475107.

Taylor, Jeremy (2015): Der Fluch unserer Gene. Warum Volkskrankheiten entstehen und wie die Evolutionsmedizin hilft. Unter Mitarbeit von Christine Ammann und Tobias Rothenbücher. Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage. München: Riemann Verlag.

United Nations General Assembly (Hg.) (2011): Prevention and control of non-communicable deseases. Report of the Secretary-General. Online verfügbar unter http://www.un.org/en/ga/president/65/issues/ncdiseases.shtml.

 

Bildquelle: pixabay.com

 

Zuletzt aktualisiert am 18.1.2018