Zeit – unser kostbarstes Gut Essay 6

Unsere Zeit ist wertvoll. Das merkt man vielleicht erst, wenn man im hohen Alter auf das Leben zurückblickt. Sie kann uns schnell wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. Warum zur Neuen Wirtschaft ein neuer Umgang mit Zeit gehört.

Vernetzt man die Welt, wie wir es in den vergangenen Jahrzehnten getan haben, dann bleibt ein Mehr an Schnittstellen, Information und Möglichkeiten nicht aus – das ist das Wesen komplexer Systeme (vgl. Kruse 2015, S. 15). Da der Tag aber nur 24 Stunden hat, kommt es ohne neuen Umgang mit Zeit zwangsläufig zu Zeitproblemen.

Die europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen Eurofound in Dublin untersucht alle fünf Jahre die Arbeitsbedingungen in den Ländern der Europäischen Union. Dabei werden unter anderem regelmäßig Arbeitsdruck und Arbeitstempo erfragt. Seit ihrem Start im Jahr 1990 verzeichnet die Langzeitstudie ein zunehmendes und ernstzunehmendes Problem der Arbeitsbevölkerung im Umgang mit Zeit. Ein Fünftel aller Deutschen steht während der gesamten Arbeitszeit unter Termindruck und unter hohem Arbeitstempo, weitere rund 40 Prozent darüber hinaus während einem Viertel bis drei Viertel der Arbeitszeit. Die zunehmenden Probleme finden also parallel zur fortschreitenden Vernetzung der Welt statt und zu ihrer Entwicklung zum komplexen System. Die Vision, dass mit Wohlstand auch Zeitwohlstand einhergeht (vgl. z.B. Rinderspacher 1985, S. 297) und noch in den 80er Jahren für greifbare Zukunft gehalten wurde, hat sich also als Utopie erwiesen. Die Realität in unserer wohlhabenden westlichen Gesellschaft ist „ein gravierender und sich verschärfender Zeitnotstand“ (Rosa 2016, S. 2). Allerdings beschreibt das nur die jetzige Realität, nicht das Mögliche. Die Vision kann sich durchaus noch erfüllen, wenn wir lernen, anders mit unserer Zeit umzugehen.

Time is the scarcest resource, and unless it is managed nothing else can be managed.
Peter Drucker, The Effective Executive (Drucker 2014)

Zeit ist Geld, so lautet ein bekanntes Sprichwort. Folglich lässt sie sich auch fehlinvestieren. Jeder, der schon einmal im Internet oder vor dem Fernseher Zeit vertan hat, in einer WhatsApp-Gruppe den Signalton für Nachrichteneingänge nicht ausgestellt hat oder immer wieder einen Termin mit der Familie wegen der Arbeit schiebt, weiß, dass man Lebens- oder Arbeitszeit nicht immer sinnvoll verbringt. Wenn wir ehrlich sind, kennen wir das alle auf irgendeine Art und Weise. Saunders nennt das Zeit-Fehlinvestitionen, die direkt zu Verschwendung führen oder das Leben schwerer machen und damit indirekt Zeit kosten (vgl. Saunders 2015):

  • Sich Zeit stehlen lassen (Anliegen anderer überragen die eigenen)
  • Familie und Freunde hintenanstellen (Arbeit hat eine höhere Priorität als die Familie)
  • Urlaub streichen (Arbeit überragt die Regeneration)
  • Die Gesundheit missachten (ungesunder Lebensstil zwischen Sitzgarnitur und Kantinenessen schmälert die Widerstandskraft)
  • Zeit vergeuden, um Geld zu sparen (Sparsamkeit überragt persönliche Chancen)
  • Sich selbst nie begegnen (Rastlosigkeit überragt Selbstreflektion)
  • Zeit achtlos verschwenden (Belanglosigkeiten überragen die eigentlichen Prioritäten)


So machen wir mehr aus unserer Zeit

Der richtige Umgang mit Zeit hat ganz bestimmt sehr individuelle Gesichter. Trotzdem lassen sich aus der empirischen Untersuchung von Schweifer und damit vom wissenschaftlichen Standpunkt aus einige plausible Erfolgsstrategien ableiten (Schweifer 2012, 2011a, 2011b). Schweifer fasst diese folgendermaßen zusammen:

„Die konsequente Pflege von Ritualen entlastet und gibt Struktur und Halt. Sie dient auch als Korrektiv zu einer Arbeitswelt, die völlig anders tickt. Rituale vermitteln das Gefühl von Fassbarkeit und Sicherheit, auch von Zeitlosigkeit. Und sie fungieren als Zeitinseln und Puffer zum harten Management-Alltag. Gleiches gilt für Disziplin. Ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Reflexion und Faszination ist eine unbedingte Voraussetzung für ,Zeit-Erfolg’. Ohne Disziplin keine Karriere! Zuletzt schaffen auch eine gewisse Mehrdimensionalität und Werte Zeit. Ein Lebens- und Wertekonzept, das auf mehreren Pfeilern ruht, scheint eine äußerst solide Basis für souveräne Gestaltung {z.B. der Dreiklang aus Arbeit, Gesundheit und Familie, Anm. d. Verf.}.“


Wir müssen Fähigkeiten trainieren

Letztendlich können wir die Zeit nicht anhalten oder dem Tag mehr Stunden geben. Einer Herausforderung können wir uns jedoch stellen: Zeit bewusster als früher einzusetzen. Die Kognitionspsychologie meint damit Aufmerksamkeit: die Fähigkeit, sich auf wichtige Aspekte konzentrieren und irrelevante Dinge ausblenden zu können (vgl. Müller und Krummenacher 2006). Denn: „Viele sehnen sich danach, der digitalen Beschleunigung zu entkommen, sie suchen nach Zeitfalten, nach Geschwindigkeitsnischen, in denen es sich gemächlicher und vermeintlich intensiver leben lässt“ (Freyermuth 2000, S. 76, zitiert nach Schöneck 2008, S. 83). Genau das ist tatsächlich möglich. Entscheidend dafür ist, Konzentration und Aufmerksamkeit aufzubringen. Zwei Fähigkeiten, die uns dabei helfen, Aktivitäten und Zeitaufwand zu planen und umzusetzen. Zwei Fähigkeiten, die wir trainieren können.

 

Artikel zitieren

Burg, M. (2018): Zeit – unser kostbarstes Gut / Essay 6, in: VUCABLOG [Weblog], 19.1.2018, Online-Publikation: https://blog.monikaburg.com/2018/01/19/zeit-unser-kostbarstes-gut/, Abrufdatum: TT.MM.JJJJ

 

Literaturverzeichnis

Drucker, Peter F. (2014): The Effective Executive. Effektivität und Handlungsfähigkeit in der Führungsrolle gewinnen. 1. Aufl. München: Franz Vahlen. Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.15358/9783800646722.

Eurofound (2015): European Working Conditions Survey. Hg. v. European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions (Eurofound). Dublin. Online verfügbar unter https://www.eurofound.europa.eu/de/data/european-working-conditions-survey.

Freyermuth, Gundolf S. (2000): Digitales Tempo. Computer und Internet revolutionieren das Zeitempfinden. In: c´t magazin für computer technik (14), S. 74-81.

Kruse, Peter (2015): next practice – Erfolgreiches Management von Instabilität. Veränderung durch Vernetzung. 8. Aufl. Offenbach: GABAL-Verl. (GABAL management).

Müller, Hermann J.; Krummenacher, Josepf (2006): Achtsamkeit. In: Joachim Funke und Jürgen Bengel (Hg.): Handbuch der Allgemeinen Psychologie – Kognition. Göttingen: Hogrefe (Handbuch der Psychologie, / hrsg. von J. Bengel … ; Bd. 5), S. 118–126.

Rinderspacher, Jürgen P. (1985): Gesellschaft ohne Zeit. Individuelle Zeitverwendung u. soziale Organisation d. Arbeit. Frankfurt/Main: Campus-Verl. (Schriften des Wissenschaftszentrums Berlin, Internationales Institut für Vergleichende Gesellschaftsforschung, Arbeitspolitik).

Rosa, Hartmut (2016): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. 11. Auflage, Originalausgabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1760).

Saunders, Grace E. (2015): Zeit für das Wichtige. Wie Sie es vermeiden, Ihre Zeit mit scheinbar wichtigen Dingen zu verschwenden, sondern bewusst einteilen – für die wirklich wichtigen Dinge in Ihrem Leben., sondern bewusst einteilen – für die wirklich wichtigen Dinge in Ihrem Leben. Online-Publikation (Harvard Business Review Blog). Online verfügbar unter http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/macht-sie-stolz-wofuer-sie-ihre-zeit-investieren-a-1046266.html, zuletzt aktualisiert am 04.08.2015.

Schöneck, Nadine M. (2008): Zeiterleben und Zeithandeln Erwerbstätiger. Eine methodenintegrative Studie. Ruhr-Universität Bochum, Bochum. Online verfügbar unter http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/SchoeneckNadineM/diss.pdf.

Schweifer, Franz J. (2011a): Zeit-Macht & Zeit-Ohnmacht von Top-Managerinnen & Top-Managern. Über den Umgang mit Zeit in der Dialektik von Selbstermächtigung und Ohnmächtigkeit ; eine interventionsforscherische Studie. Zugl.: Klagenfurt, Univ., Diss., 2010. Hamburg: Kovač (Schriftenreihe Studien zur Berufs- und Professionsforschung, 9). Online verfügbar unter http://www.verlagdrkovac.de/978-3-8300-5651-5.htm;B:X:MVB.

Schweifer, Franz J. (2012): Zeit – Macht – Ohnmacht. Top-ManagerInnen im rasenden Zeit-Dilemma ; Forschungs-Essenzen. [Zugl.: Klagenfurt, Univ., Diss., 2010]. Hamburg: Kovač (Schriftenreihe Studien zur Berufs- und Professionsforschung, 12). Online verfügbar unter http://www.verlagdrkovac.de/978-3-8300-6174-8.htm.

Schweifer, Franz-J. (2011b): Zeitmanagement für Top-Manager. Unter Mitarbeit von Franz-J. Schweifer. Hg. v. business-wissen.de. Online verfügbar unter https://www.business-wissen.de/artikel/zeitmanagement-fuer-top-manager/, zuletzt aktualisiert am 24.07.2011.

 

Zuletzt aktualisiert am 19.1.2018

 

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