Achtung, Achtsamkeit! Über einen Erfolgstreiber in der VUCA-Welt Essay 10

Wo sind Ihre Gedanken gerade? Sind sie beim Ärger von gestern, bei einer Befürchtung vor morgen? Keine Sorge, das kennen wir alle. Allerdings kann diese Art zu Denken den Stress, den die VUCA-Welt auslöst, noch weiter aufschaukeln. Warum Achtsamkeit eine Kernkompetenz der Zukunft ist.

In den 70er Jahren rief die Sozialpsychologie die „Kognitive Revolution“ aus und die Erforschung geistiger Prozesse auf Basis neurobiologischer Messverfahren nahm ihre Fahrt erst so richtig auf (Hobbs und Chiesa 2011, S. 385). Erforscht wurde seither, was und wie wir wahrnehmen, lernen, verstehen, urteilen, erinnern. Erforscht wurde auch, was wir so denken. Wenn wir einmal mitschreiben würden, was uns ständig durch den Kopf geht, dann hätten wir schnell Bücher gefüllt. Interessant auch, wieviel Negatives dabei ist. Aber darum soll es heute nicht im Kern gehen, sondern um die Tatsache, dass wir überwiegend gedankenlos denken und welche negativen Konsequenzen das hat.


Gedankenlos denken

Mit Gedankenlosigkeit oder Mindlessness bezeichnet man in der Kognitionswissenschaft eine Art passiv zu denken, bei der man auf alles, was an Reizen von innen oder von außen kommt, unreflektiert reagiert und nicht aktiv überlegt, ob das auch richtig oder vollständig ist. Z.B. wird man spontan ängstlich oder ärgerlich, weil eine Situation unbewusst an eine andere erinnert oder weil die ethnische Herkunft einer Person eine ganze Armada an Vermutungen lostritt. Man fragt nicht nach oder hinterfragt nicht für sich. Bewertungsmaßstab für eine gegenwärtige Situation ist dabei unser autobiographisches und episodisches Gedächtnis – also Lernerfahrungen aus der Vergangenheit (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 163). Wir reagieren also widerstandslos auf Reize statt aktiv Entscheidungen zu treffen, was wir denken, weshalb dieser Zustand auch „inaktiver geistiger Zustand“ genannt wird (vgl. Langer 2015, S. 1).

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Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinungen von den Dingen
Nach Epiktet

 

Wir nutzen unseren Geist dann wie einen Automaten. Er ist gefüttert mit Regeln aus der Vergangenheit und wirft regelbasiert Bewertungen aus. Eine programmierte Maschine quasi, die auf Autopilot steht (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 163).

Was meinen Sie, wie oft das passiert? Sehr oft, denn es ist ein unbewusster Prozess. Wir halten das so lange für normal, bis wir anfangen, es zu reflektieren. Aus evolutionsbiologischer Sicht war das auch ein sinnvoller Mechanismus, weil man so in Urzeiten die Wahrscheinlichkeit für das physische Überleben erhöhte (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 163). In der modernen Wissensgesellschaft ist dieser reflexhafte Mechanismus – zumindest, wenn man sich nicht gerade im finstersten Stadtteil bei Nacht befindet – tatsächlich ungünstig.


Der Preis der Gedankenlosigkeit

Viel Negatives entsteht aus der Gedankenlosigkeit. Die Harvard-Professorin Ellen Langer geht sogar so weit zu sagen, „dass praktisch alle unsere Probleme – persönliche, zwischenmenschliche, berufliche und gesellschaftliche – direkt oder indirekt durch Gedankenlosigkeit entstehen“ (Langer 2015, S., 1) und nennt folgende negative Konsequenzen den „Preis der Gedankenlosigkeit“ (Langer 2015, S. 49 ff.):

  • Enge Selbsteinschätzung
  • Nicht-vorsätzliche Grausamkeit
  • Verlust der Kontrolle
  • Erlernte Hilflosigkeit
  • Verkümmernlassen von Fähigkeiten

Was das Phänomen Gedankenlosigkeit für erfolgreiches Handeln in der VUCA-Welt bedeutet, kann man sich denken: Ein subtiles Ausdeuten von ambiguen Informationen, komplexen Settings oder unsicheren, volatilen Entwicklungen findet so sicher nicht statt. Die gute Botschaft ist, wir können uns aktiv entscheiden, den Autopiloten auszustellen und uns üben, nicht gedankenlos zu reagieren, sondern achtsam.


Die Zukunft der VUCA-Welt ist Achtsamkeit

Achtsame Menschen bleiben in der Gegenwart und versuchen die Situation objektiv auszuleuchten (vgl. Langer und Moldoveanu 2000, S. 1 f.). Achtsamkeit oder Mindfulness ist damit eine besondere Form der Aufmerksamkeit, eine höhere Qualität des Geistes, ein klarer Bewusstseinszustand, der es erlaubt, jede innere und äußere Erfahrung (Gedanken, Gefühle, Körper und Umgebung) im gegenwärtigen Moment so vorurteilsfrei wie möglich zu registrieren (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 163). „Achtsam zu handeln bedeutet, wirklich bewusst zu handeln“ (Schnetzer 2014, S. 5).

Die gute Botschaft: Achtsamkeit kann man trainieren (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 163) und mit zunehmender Achtsamkeit reduzieren sich die gewohnheitsmäßigen automatischen und unbewussten Reaktionen, was zu einem hohen Maß an situationsadäquatem, authentischem und selbstbewusstem Verhalten führt. Vieles, was einen aufregt, muss einen gar nicht aufregen, vieles, was tatsächlich ungünstig ist, hat eine schnelle Lösung, wenn man bei klarem Kopf bleibt und damit ist der Zusammenhang zu Stress und Problemlösefähigkeit geschaffen.


Vom Buddhismus zum Büro

Der Grundgedanke der Achtsamkeit entstammt der buddhistischen Weisheitslehre. Das Thema ist damit viel älter als seine wissenschaftliche Erforschung in der Neuzeit. Da wiederum war es der amerikanische Molekularbiologe John Kabat-Zinn, der den Wert von Achtsamkeit erkannte und der achtsamen Art zu denken in einer nicht-religiösen Auslegung zur Reduktion von Stress, Angst und Krankheit zum Durchbruch verhalf (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 164). In den Gesundheitswissenschaften ist Achtsamkeit heute ein etabliertes Konzept.

Aber leider ist im arbeits- und organisationswissenschaftlichen Zusammenhang das Thema Achtsamkeit noch weitgehend unbeachtet (vgl. Sauer et al. 2011, S. 339). Die Studienzahl ist dort noch nicht so groß wie in der Gesundheitswissenschaft, aber die Tendenz ist klar: Achtsamkeit hat ein großes Potential im Hinblick auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und prosoziales Handeln am Arbeitsplatz (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 173). Hier exemplarisch einige Forschungsergebnisse, die im Zusammenhang mit den Herausforderungen der VUCA-Zeit mehr Beachtung finden müssen:

  • Achtsamkeit ist hilfreich, um leichter mit Belastungen umzugehen (Abbau von Stress) und um Strategien zur Stressregulation zu entwickeln (Aufbau von Stressresilienz) (vgl. Chiesa et al. 2011).
  • Achtsamkeit erleichtert die Herausbildung neuer kognitiver Strukturen (vgl. Langer und Moldoveanu 2000, S. 4ff.). Das bedeutet, dass man bei der Lösung eines Problems nicht den bereits etablierten mentalen Repräsentationskategorien zum Opfer fällt, sondern innovativer mit frischem Blick in neuen und kreativen mentalen („out of the box“) Kategorien denkt (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 168).
  • Achtsamkeit schont unsere begrenzte neuronale Aufmerksamkeitsfähigkeit (attentional resource). Slagter et al. konnten nachweisen, dass die neuronale Maschinerie der in Achtsamkeit geübten Versuchspersonen weniger Verarbeitungsaufwand betreiben muss, um einen Sachverhalt zu erfassen und damit schneller ist (vgl. Slagter et al. 2007).
  • Gleichzeitig geschehen signifikant weniger Erkennungsfehler aufgrund der unbewussten Ausblendungen von Teilinformationen (attentional blinks). Damit konnten Slagter et al. zeigen, dass achtsame Personen fehlerfreier arbeiten (vgl. Slagter et al. 2007).
  • Achtsamkeit wirkt der Tendenz entgegen, eine gegebene Situation automatisch im Sinne egoistischer Bestrebungen zu interpretieren. Damit fällt es achtsamen Führungskräften deutlich leichter, andere zielführend zu integrieren und im Sinne der besten Sachlösung zeitweilig persönliche Interessen in den Hintergrund zu stellen (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 170).
  • Damit sind achtsame Personen auch bessere Kommunikatoren (vgl. Kohls und Berzlanovich 2013, S. 170).


Achtsamkeit erfordert keine Meditation

Der Grundgedanke der Achtsamkeit entstammt dem Buddhismus und der Grundgedanke jeglicher Meditation im buddhistischen Kontext ist Achtsamkeit. Das ist soweit richtig. Aber wir müssen jetzt nicht anfangen, stundenlang zu meditieren, um achtsamer zu werden. Machen Sie nicht alles gleichzeitig. Das wäre ein wunderbarer Anfang. Weniger ist mehr. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie machen und hinterfragen Sie, was sie hören, lesen oder denken (zu Formen von Achtsamkeitsübungen vgl. Kohtes und Rosmann 2014, S. 23 ff.). Natürlich muss man Achtsamkeit üben, der Meister fällt auch da nicht vom Himmel. Aber es lohnt sich. Der Preis ist ein ruhiger Geist und ein scharfer Verstand. Achtsamkeit ist der Prozess, Dinge bewusst wahrzunehmen. Wir können das jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde üben. Beim Spazierengehen, beim Zeitunglesen, beim Essen, beim Diskutieren, beim Feiern. Einfach jederzeit.


Achtsamkeit ist eine Währung, die gehandelt werden wird wie Gold

Ohne Zweifel befinden wir uns mitten in einer Revolution des bewussten Denkens (vgl. Langer 2015, S. 2). Das wird den Unternehmen zugutekommen und jedem Achtsamen. Und damit zieht ein gutes Stück mehr Menschsein ein, denn wir lösen uns von der simplen automatenhaften Benutzung unseres Geistes und beginnen ihn stärker aktiv zu nutzen.

Ohne Frage ist es noch ein weiter Weg, bis Unternehmen von der Qualität achtsamer Mitarbeiter und Führungskräfte profitieren können (vgl. Langer 2015, S. 2), aber der Weg ist vorgezeichnet, weil es in der VUCA-Welt nicht ohne das gehen wird.

 

Artikel zitieren

Burg, M. (2018): Achtung, Achtsamkeit! Über einen Erfolgstreiber in der VUCA-Welt / Essay 10, in: VUCABLOG [Weblog], 16.3.2018, Online-Publikation: https://blog.monikaburg.com/2018/15/03/achtung-achtsamkeit-ueber-einen-erfolgstreiber-in-der-vuca-welt-vucability-kompetenz-zukunft-gedanken/, Abrufdatum: TT.MM.JJJJ

 

Literaturverzeichnis

Chiesa, Alberto; Calati, Raffaella; Serretti, Alessandro (2011): Does mindfulness training improve cognitive abilities? A systematic review of neuropsychological findings. In: Clinical psychology review 31 (3), S. 449–464. DOI: 10.1016/j.cpr.2010.11.003.

Hobbs, Sandy; Chiesa, Mecca (2011): The myth of the “cognitive revolution”. In: European Journal of Behavior Analysis (Band 12, Nr. 2), S. 385–394.

Kohls, Niko; Berzlanovich, Andrea (2013): Achtsamkeit in Organisationen: Vom Stressmanagement über das achtsame Interagieren und Führen zur bewussten Gestaltung von Veränderungsprozessen. In: Wolfgang Kersten und Jochen Wittmann (Hg.): Kompetenz, Interdisziplinarität und Komplexität in der Betriebswirtschaftslehre. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 163–177.

Kohtes, Paul J.; Rosmann, Nadja (2014): Mit Achtsamkeit in Führung. Was Meditation für Unternehmen bringt ; Grundlagen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Best Practices. 1. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta (Fachbuch).

Langer, Ellen J. (2015): Mindfulness: das Prinzip Achtsamkeit. Die Anti-Burn-out-Strategie. Jubiläumsausg. München: Verlag Franz Vahlen. Online verfügbar unter https://doi.org/10.15358/9783800649174.

Langer, Ellen J.; Moldoveanu, Mihnea (2000): The Construct of Mindfulness. In: J Social Isssues 56 (1), S. 1–9. DOI: 10.1111/0022-4537.00148.

Sauer, Sebastian; Andert, Karin; Kohls, Niko; Müller, Günter F. (2011): Mindful Leadership. Sind achtsame Führungskräfte leistungsfähigere Führungskräfte? In: Gruppendyn Organisationsberat 42 (4), S. 339–349. DOI: 10.1007/s11612-011-0164-5.

Schnetzer, Ronald (2014): Achtsame Unternehmensführung. Plädoyer für ein sofortiges Umdenken im Management. Wiesbaden: Springer Gabler (essentials).

Slagter, Heleen A.; Lutz, Antoine; Greischar, Lawrence L.; Francis, Andrew D.; Nieuwenhuis, Sander; Davis, James M.; Davidson, Richard J. (2007): Mental training affects distribution of limited brain resources. In: PLoS biology 5 (6), e138. DOI: 10.1371/journal.pbio.0050138.

 

Bildquelle: pexels.com

 

Zuletzt aktualisiert am 16.3.2018