Aus alt mach agil – Agilität in traditionellen Unternehmen Essay 14

Zu Beginn diesmal ein paar Fakten: 70% aller mittelständischen Unternehmen in Deutschland sind älter als 10 Jahre, 40% älter als 20. Der Deutsche Mittelstand ist nach Unternehmensalter im besten Alter und wird weltweit geschätzt für Qualität, Innovationsstärke, Zuverlässigkeit und Kontinuität. Allerdings leidet sein Innovationsbeitrag seit Jahren und mit Perspektive 2025 wird in einer Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums dringender Handlungsbedarf angezeigt. Warum leidet die Innovationsstärke? Könnte die Tradition – folglich also der Mix aus auf Kontinuität ausgerichtete Unternehmenskultur und Betriebsalter – ein Grund dafür sein? Bremst die Tradition den Mittelstand? Dem möchte ich in diesem Beitrag einmal nachspüren. 

Vier von zehn aller Mittelständler in Deutschland sind älter als 20 Jahre und oft in zweiter oder dritter Generation erfolgreich am Markt (vgl. KfW 2018). Ihren Erfolg und ihre Innovationskraft haben hierarchische Organisations- und Führungsstrukturen ermöglicht, die entstanden sind, als die Märkte aufgrund der digitalen weltweiten Vernetzung ihre disruptive Kraft noch nicht entfaltet hatten. Und nun erwirken die Märkte eine immer höhere Anpassungsfähigkeit, höhere Innovationsraten und kürzere Time to Market-Zeiten und die Innovationskraft leidet im Deutschen Mittelstand – dringender Handlungsbedarf inklusive (vgl. Astor 2016). So weit so gut.

 

Aber was hat das mit Agilität zu tun?

Um die notwendige Schnelligkeit und Kundennähe in die Prozesse zu bringen, müssen die klassischen Unternehmensstrukturen, die man sich wie Silos und betonierte Flussbetten vorstellen kann, eingerissen oder zumindest durchlässiger gemacht werden. Entscheidungsmacht muss aus den Nadelöhren der Führung auf untere Führungsebenen und auf die Mitarbeiter delegiert werden, näher zum Kunden. Zusammenarbeit über die Abteilungsgrenzen hinweg muss zum Wohle des Kunden vereinfacht werden. Es braucht eine Renovierung der Arbeitsweisen. Aber das klassische Prinzip ein Unternehmen zu führen ist in der Unternehmenskultur, in Verhaltensmustern und Einstellungen der handelnden Personen je tiefer verankert, desto älter das Unternehmen ist. Tiefe Verankerungen werden dann mit hoher Wahrscheinlichkeit bewusst oder unbewusst weitergegeben. Es entsteht Tradition. Tradition in der Art, wie man arbeitet. Tradition ist wunderbar, weil sie Identität und Sinn stiftet. Im worst case kann sie aber auch bremsen: Insbesondere, wenn Veränderung im Innern der Organisation stagniert (vgl. Kongress der Sozialwirtschaft 2015).

 

Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.
Jean Jaurès

 

Sind also Agilität und Tradition Gegensätze?

Absolut nicht! Man muss nur sehr bewusst mit Entscheidungen umgehen. Was möchte ein Unternehmer bewahren und was weiterentwickeln? Im besten Fall bewahren sich Unternehmer natürlich die Tradition der Innovationsfähigkeit. Das werden sie schaffen, wenn sie nicht an den traditionellen Arbeitsweisen festhalten, sondern die Innovationsfreude auf das Innere des Unternehmens übertragen. Auf die eigenen Routinen und gewohnten Abstimmungs- und Entscheidungsmuster, was aber nur schleppend vorankommt (Hauffe 2015). Mutig, aber nicht kopflos muss mit klassischen Routinen gebrochen werden, die über Jahrzehnte eingeübt wurden. Das funktioniert nicht per Dekret. Es ist eine Anstrengung, die Expertenwissen in Organisationsentwicklung voraussetzt, weil eine ganze Belegschaft, Führungskräfte wie Mitarbeiter, aus den alten Mustern gerüttelt und in neue geführt werden müssen. Wir alle wissen, wie schwer es ist, Gewohnheiten zu ändern. Hier werden gute Personalabteilungen wichtig und ggf. die Unterstützung von Externen. Trial & Error in Sachen Organisationsentwicklung stellt sich in der Regel als teuer und lähmend heraus. 

 

Müssen wir uns jetzt Sorgen um den Mittelstand machen?

Tatsächlich schreibe ich diesen Blogbeitrag, weil ich mir Sorgen um viele traditionsreiche Mittelständler mache, die zu spät reagieren werden. Zwar sehen die Unternehmer die Herausforderungen der Märkte ganz klar, aber in den relevanten Mittelstandsbefragungen wird die Sicherung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit als größte Herausforderung gesehen (Brink et al. 2020). Die Entwicklung von Agilität ist in zwei Drittel aller Unternehmen auch schon in der Strategie festgeschrieben, und „Kultur und Führung“ wird als wichtigster Innenfaktor gesehen (Schulke, A.; Jütte, Silke 2019). Soweit so gut. Aber bei näherer Betrachtung gibt es Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Agilitätsstrategie (mehr dazu im kommenden Blogbeitrag Agiler (Un)Wandel: 4 Spielarten der Transformation in der Praxis – ein Praxisbericht. Und weiter: Was ist mit dem Drittel der Unternehmen im Mittelstand, die im Jahr 2020 noch der festen Überzeugung sind, dass Agilität nicht wichtig und sinnvoll sei? Man weiß, dass die Märkte aufgrund der weltweiten digitalen Vernetzung und weiterer technischer Innovation in Zukunft eher an Fahrt zulegen werden. Ich hoffe inständig, dass diese Unternehmen in zehn Jahren auch noch auf ihre erfolgreiche Tradition zurückblicken können. Verdient haben sie es!

 

Artikel zitieren

Burg, M. (2020): Aus alt mach agil – Agilität in traditionellen Unternehmen / Essay 14, in: VUCABLOG [Weblog], 18.11.2020, Online-Publikation: https://blog.monikaburg.com/2020/11/18/aus-alt-mach-agil-agilitaet-in-traditionellen-unternehmen//, Abrufdatum: TT.MM.JJJJ

 

Literaturverzeichnis

Astor, M. et al: Innovativer Mittelstand 2025 – Herausforderungen, Trends und Handlungsempfehlungen für Wirtschaft und Politik, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, Endbericht 2016.

Brink, S. et al: Das Zukunftspanel Mittelstand 2020 – Update der Expertenbefragung zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen des deutschen Mittelstands, in: IfM Bonn, IfM-Materialien Nr. 282, Bonn 2020.

Hauffe Lexware: Agile Unternehmen – Das Betriebssystem für die Arbeitswelt der Zukunft 2015.

KfW Bankengruppe (Hrsg.): KfW-Mittelstandsatlas 2018, Frankfurt a.M. 2018.

Kongress der Sozialwirtschaft e.V. (Hrsg.): Tradition und Innovation. Strategien für die Zukunft der Sozialwirtschaft, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2016.

Schulke, A.; Jütte, Silke: Kann der deutsche Mittelstand ‘agil’?, IUBH Discussion Papers – Business & Management 1/2019.

Bildquelle: https://pixabay.com/de/photos/spalten-flur-architektur-griechisch-801715/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.